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Parascha der Woche
Bo: Schemot 10:1 - 13:16

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Fot. Von Jankie, Flickr. Creative Commons Lizenz

Die Parascha in Kürze

Es geht in diesem Text um die letzten drei der zehn Plagen: Die riesigen Heuschrecken, die das letzte Getreide zerstörten, das nach der Hagel-Plage noch übrig geblieben war. So wird Ägypten verwüstet. Der Pharao blieb jedoch hart, selbst als seine Diener ihn umzustimmen versuchten. Danach brach die vollkommene Dunkelheit herein, nur die Hebräer konnten Lichtmachen.  Der Pharao änderte seine Meinung trotzdem nicht. Die letzte und die schrecklichste Plage hat dies geändert.

Moses empfing noch eine Offenbarung von G-tt darüber, dass er sich selbst in Ägypten zeigen werde. Er werde alle Erstgeborenen in Ägypten töten, ohne Rücksicht darauf, ob sie Sklavensöhne oder Nachkommen des Pharaos seien.

Dieser Monat sollte für die Hebräer der Anfang der Monate (Schemot 12:1) und der erste Monat des Jahres werden. Am vierzehnten Tag des Monats sollten sie ein einjähriges, makelloses Lamm schlachten. Jeder Hebräer sollte davon in der Nacht des Vierzehnten essen.  Die Türrahmen ihrer Häuser sollten sie mit dem Blut des Opfertieres bestreichen. Dies war das Zeichen der jüdischen Häuser, in einem solchem Haushalt starb niemand. In der Zukunft sollte man an diesem Tag einen Feiertag halten: Sieben Tage lang isst man ungesäuertes Brot. Der ganze Sauerteig muss vor dieser Feier aus dem Haushalt entfernt werden.

Es kam der grausame Tag. An den Häusern der Hebräer, die sich an all diese Gebote hielten, ging der Tod vorüber. Des Pharaos Sohn hingegen starb, und der Herrscher Ägyptens befahl den Israeliten, das Land sofort zu verlassen. Auch der Hass der Ägypter wandte sich sofort gegen die Hebräer. So musste Ägypten eilig verlassen werden. In der Eile konnte der Teig der Hebräer nicht sauer werden. Daher waren alles, was sie als Vorrat mitnahmen, ungesäuerte Brote. Bevor die Hebräer davongingen, hatten sie von ihren ägyptischen Nachbarn goldene und silberne Geräte geliehen. Nach 400 Jahren verließen die Hebräer endlich Ägypten. Es waren ca. sechshunderttausend Männer.

Es wird wiederholt, dass seit dieser Zeit die Kinder Israels den Jahrestag des Auszugs aus Ägypten als Pessach feiern: Man soll alles Gesäuerte aus dem Haus entfernen und sieben Tage lang nur Ungesäuertes essen. Den Kindern wird diese Geschichte auch heute regelmäßig als Erinnerung an die Zeiten in Ägypten erzählt. Als Erinnerung daran soll man auch einen Gebetsriemen: Tefillin um Kopf und Arm legen. Jeder Erstgeborene oder Erstling, da es nicht nur um Menschen geht, sondern auch um Pflanzen (Bikkurim) und Tiere, gehört G-tt und alles Erstgeborene kann man mit einem Lamm loskaufen.  

Ökodetail:

Auf der Suche nach nachhaltigen Interpretationen der Tora entdeckt Rabbiner Judelman die mystische Idee der Schöpfung. In dieser Tradition besteht alles, was überhaupt existiert, aus Ort (Olam), Zeit (Schana) und Seele (Nefesch). Normalerweise sind, wenn man nach ökologischen Interpretationen einer Parascha sucht, eher der Ort, das Land oder die Pflanzen und Tiere von Interesse. In der Parascha Bo rückt die Zeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Zu diesem Zeitpunkt der Geschichte sind wir im Monat Nissan in Ägypten. „Dieser Monat sei euch der Anfang der Monate: Er soll euch der erste sein unter den Monaten des Jahres“ (Schemot 12:2). Nissan wurde damit zu einem Monat der Befreiung, des Neuanfangs und der Pessach-Feier.

Dies ist die erste Mitzwa, ein Gebot, das alle Juden verpflichtet. Noch in Ägypten sollten sie sich auf ihre erste Pessach-Feier vorbereiten. Die Parascha Bo ist der Anfang des Teiles der Tora, die weniger Geschichten beinhaltet, dafür aber mehr Gebote. Raschi hat sogar gefragt, warum nicht die ganze Tora mit der Parascha Bo anfängt. Wozu haben wir denn das ganze Buch Bereschit (Raschi über Genesis 1:1)? Es gibt einen neuen Monat und eine neue Mitzwa.

In dem jüdischen Konzept wird das zirkuläre Zeitkonzept vorausgesetzt. Dies scheint oft vergessen zu werden. Wir werden von der linearen Zeit-Vorstellung dominiert. Solche Begriffe wie Fortschritt und Entwicklung hängen damit zusammen. In unserer Welt kennt entweder die Entwicklung keine Grenze oder in eher religiösen Weltvorstellungen soll die Zeit einen Zweck haben. D.h. es wird irgendwann eine Kulmination geben, in der ein G-ttlicher Plan verwirklicht wird. Die zirkulären Zeitkonzepte werden laut Rabbiner Shaul Judelman von dieser Perspektive als „primitiv“ bezeichnet. Der jüdische Kalender beinhaltet, neben der linearen Zeitvorstellung, auch eine zirkuläre Zeitvorstellung.

Die zirkuläre Zeit-Idee kommt aus der Idee der Wiederkehr, z.B. der Natur und ihrer Jahreszeiten. Sie ist typisch für die Landwirtschaft und vorindustrielle Zeiten. Stell Dir die Situation vor,  als die Menschen gar keine Kalander und Uhren hatten. Man musste die Natur viel genauer beobachten. Es ist sehr wichtig zu wissen und zu bemerken, was sich an jedem Tag ändert und wann die nächste Jahreszeit kommt. In solcher Situation hatte man einen direkten Kontakt mit der Schöpfung. Vielleicht ist diese Erfahrung auch Teil der jüdischen Tradition, und als solche ist sie im Konzept des jüdischen Kalenders über die Generationen erhalten geblieben. Daraus resultiert die Verbindung zwischen dem Kalender und den Jahreszeiten.

Der „erste Monat“ Nissan beginnt mit dem mächtigen Moment des Frühlings. Pessach ist eigentlich neben dem Freiheits- auch ein Frühlingsfest, das Hag Ha’Aviv (Fest des Frühlings) genannt wird. Frühling ist eine Zeit der Erneuerung und Erlösung. Es ist kein Zufall, dass der biblische Kalender im Frühling anfing. Die Juden waren sich schon immer der natürlichen Prozesse bewusst. Die Weisen haben sich nicht für einen Kalender entschieden, der abstrakt und astronomisch wäre, sondern für die Verbindung mit dem Agrarkalender. Die Erlösung ist dann möglich, wenn alle Kräfte dabei sind. Jedes Jahr sollen wir von Pessach an neu anfangen. Dies ist eigentlich sehr aktuell, da wir gerade das weltliche Neujahr gefeiert haben. Dieses schöpft für die Juden die Möglichkeiten der Erneuerung der Kräfte, der Vorsätze und Pläne gar nicht aus.

Auch jeder Rosch Hodesch (der erste Tag des Monats) und jeder Schabbat soll an die Möglichkeit der Erneuerung (und Erlösung) erinnern. Das hebräische Wort Hodesch („Monat“) kommt von hadasch und  bedeutet „neu“.  Jeden Tag, wenn wir aus dem Bett steigen, danken wir dafür, dass wir aufgewacht sind. Mit dem Aufwachen haben wir eine Chance auf Erneuerung. Die ganze Welt ist eine Verbindung zwischen Seele, Zeit und Ort, daher hat die reine Spiritualität ohne Bezug zu Zeit und Ort keinen Sinn.

Im Judentum ist die Zeit (Schana) genauso heilig wie die Orte in anderen Religionen. Der Schabbat erinnert uns wöchentlich daran. Wir verbinden uns dann mit der natürlichen Welt. Die ersten drei Sterne, die auf dem Firmament erscheinen, bezeichnen das Ende des Schabbat. Dieser Bezug zur Natur unterscheidet uns auch von anderen Religionen: Unsere Feiertage beginnen mit dem Sonnenuntergang des Vorabends, was vielen Nichtjuden sehr anders oder exotisch erscheint. Das Besondere am jüdischen Kalender ist nicht nur die Orientierung am Mond. Eine weitere Eigenschaft des jüdischen Zeitverständnisses ist die Verbindung zwischen der Natur und der menschlichen Tätigkeit. Das wurde allerdings erst nach der Gründung Israels wieder klarer, wo der jüdische Kalender seine Verbindung mit den Jahreszeiten zurückgewonnen hat. Rabbiner Judelmann zitiert die Worte des Rabbiners Menachem Frumim, der sagte, „Wie können die Juden, die durch das Gebot Jirat Schamaim (Furcht vor dem Himmel) verpflichtet sind, überhaupt an einem Ort leben, an dem gar kein Schamaim (Himmel) zu sehen ist“.

Heute suchen alle nach der Möglichkeit der Entwicklung und Erneuerung. Diese Gelegenheit finden wir in der Rosch Hodesch Feier. Dies stellt die Möglichkeit dar, das Neue zu entdecken. Rosch Hodesch soll eine Feier der Erneuerung sein, wir sollen neue Perspektiven gewinnen, unsere Beziehung mit den Menschen neu erfinden. Zwar haben wir im Judentum auch eine messianische Perspektive, wir erlauben uns aber die Zirkularität zu entdecken. Die Ökologie braucht nämlich die Kraft der Erneuerung. Wir haben vor sechs Tagen den neuen Monat Schwat angefangen. Auf diesen Monat fällt auch TuBischwat, der Anfang des Jahres der Bäume. Nutze die Energie des Anfangs, um die wichtigen Sachen in deinem Leben zu bedenken.

Aktion Diese Woche:

  • Sieh Dich um: Wie ist das Wetter? Gehe spazieren und nimm die Jahreszeiten wahr.
  • Mache einen Schabbat-Spaziergang.
  • Sieh dir den Sonnenaufgang an (gerade noch eine sehr einfache Aufgabe).
  • Iss ein saisonales Gericht: Im Winter sind diejenigen Gemüsesorten saisonal, die sich lang lagern lassen. Ein tolles Wintergemüse ist z.B. Kraut.
  • Plane eine Rosch Hodesch Party. Die nächsten zwei (?) Gelegenheiten wären der 10. Februar (Der Monat Adar II).

Quellen:

Dieser Artikel wurde von Rabbi Shaul David Judelman Kommentar zur Parascha Bo: „Time, Place and the Environemt: Taking Notice of Our Time“ inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nesharim.